Der Musiksalon macht ein Sabbatical bis April 2021 … aus Gründen!

Ein Essay von Ostern 2020

Von Selbstbestimmung und Gemeinwohl
Betrachtungen eines Musikers zu Corona

Corona hat uns fest im Griff und das wird sicherlich auch noch eine Zeit lang so bleiben. Ob’s denn eine „gute“ Zeit lang wird, liegt bei aller Not auch an uns allen und an jedem Einzelnen. Aber bestimmt wird es eine große Zeit, die uns zahlreiche neue Aufgaben stellt.

Der dauerhafte Spagat welcher Gesundheit und Wirtschaft zugleich erhalten soll, ist ziemlich anstrengend – zumal wir als Gesellschaft recht ungelenkig sind. Trotz aller Warnblinker haben wir lange recht einseitig die Wirtschaft gefördert. In trügerischer Hoffnung, Gesundheit werde dadurch schon erhalten. Als sei erstere die Ursache, letztere die Folge.

Mit Corona geht uns schlagartig ein Licht auf: Es geschieht alles gleichzeitig, alles hat Auswirkungen weltweit.

Eine weitere Aufgabe ist zwar altbekannt, ist aber unter den neuen Vorzeichen viel deutlicher: Der Zusammenhang von ‚Wir‘ und ‚Ich‘, von Gemein- und Eigen-Interesse. Noch nie zuvor hatte das Verhalten eines Jeden so unmittelbar starke und potentiell krankmachende Auswirkungen auf Alle. Und umgekehrt sind die Beschränkungen der individuellen Freiheit so schmerzhaft.

Recht ähnlich ist etwas, das Musiker gut kennen: Die Fügung von Melodie und Rhythmus, denn hier ist Individuelles mit Kollektivem verwoben. Oder einfacher: Die Auswirkung des Orchesters auf den Musiker und umgekehrt der Zauber, welcher vom Solisten ausgeht. Ebenso staunenswert ist, wie stark sich Zuhörerschaft und Darbieter beeinflussen!

Wie ist also die persönliche Möglichkeit und Wahrnehmung einer freien Selbstbestimmung bei gleichzeitiger Förderung des Gemeinwohls? Beides findet ja innerhalb des Gegebenen statt. Und natürlich werden diese Grenzen behutsam bewahrt – wie aber auch vorausschauend verändert.

Daß uns all dies – trotz derzeitig vergleichsweiser vereinfachten Bedingungen und einem deutlichen Mangel an äußeren Ablenkungen – oft nur unzureichend gelingt, relativiert den zu anderen Zeiten oft vorherrschenden starken Willen und ungünstig gefixte Vorstellungen erheblich – und gibt so im Optimal-Fall Veranlassung zu unbändigem und befreiendem Gelächter.

Denn sowohl der Ehrgeiz zur Selbstbestimmung als auch der Zwang zum Kollektiv findet seine Grenze beim Schicksal und etwas Höherem, das uns demütig werden lassen läßt. Ein im besten Fall humorvolles Miteinander wird derzeit überall wieder wichtiger. Das ist gut!

Bei aller Illusion einer Planung des Lebens: letztlich improvisieren wir alle. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig – aber: wenn man sogar Äpfel mit Birma vergleichen kann…ist es möglich eine Parallele zu ziehen: Als Musiker hören wir idealerweise den Mit-Musikern zu, begleiten und unterstützen sie, und haben eigene Vorschläge. Alles innerhalb gewisser Grenzen, die mehr oder weniger unergründlich bleiben. Ich habe das schon früher „Komusikation“ genannt.

Ich bin Musiker, das werde ich immer sein, auch wenn die Bühnen sich zur Zeit ändern, oder gar nicht vorhanden sind. Ein „Online-Künstler“ werde ich nicht werden, denn abgesehen von meiner eher mangelhaften Beherrschung der neuen Medien, bin ich der Ansicht, daß Kunst berührt und genau das dürfen soll. Zu einer echten Kommunikation und noch mehr für ein echtes (Konzert-) Erlebnis ist die Identität von Zeit und Ort obligatorisch. Also warte ich, wie alle, ein Stück weit geduldig auf Besserung der Bedingungen.

Es freut natürlich und macht Hoffnung, daß viele Menschen sich jetzt freundlicher, solidarischer und einfach netter zeigen, teilweise stressbefreiter durch das in weiten Bevölkerungsanteilen staatlich verordnete „Gammeln“. Welches ich übrigens bereits vor Jahren durch die Wortschöpfungen „Hängemattieren“ und „Domani-Option“ geadelt habe.

Die Krankheit und deren Opfer sind fürchterlich und besorgniserregend. Ihnen gehört unser tiefstes Mitgefühl und größter Dank denen, die das Leid zu mindern suchen. Auch die entstehende finanzielle Not ist bei zunehmend mehr Menschen bedenklich und erschreckend, u.a. deswegen habe ich die Petition zum Grundeinkommen unterschrieben. Die ist übrigens im Bundestag angekommen und kann hier gezeichnet werden, wenn man will: https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2020/_03/_14/Petition_108191.nc.html?fbclid=IwAR0ZrcRJxJiSNrZ7WMamFh8BmAG-jstns6nzBFCg-9T2EVbGXZvKkirvYXU

Ich bin aber auch in Sorge über einen möglichen Bruch in der Gesellschaft. Die Polarisierung nimmt zu. Eine Teilung in Systemrelevant/Vernachlässigbar, in Gesunde/Kranke, Vulnerable/weniger Gefährdete, scheinbar Immune und Noch-zu-Infizierende, in Corona Über-Ängstliche und Corona-Leugner, ja sogar in zahme Schafe, sture Ochsen und störrische Esel – die unversöhnliche Aufspaltung ist sehr fraglich und nicht zielführend. Auch die zunehmende Protestbewegung der – ich sag‘ mal – „Anti-Körper“ (weil es teilweise berechtigt, teils vereinfachend, teils nur ‚hip‘ ist), die dem Establishment, dem Staat, dem Geld, der Wirtschaft, der Pharma, den alten weißen Männern mit Mißtrauen oder Feindschaft begegnen. Da gibt’s die etwas einseitig orientierten Grundrechtbewahrer, skeptische -Kritiker und absolute Impfgegner, die für mich nur teilweise nachvollziehbaren Gründe der 5G-Gegner und am Ende des Spektrums auch die totalen Aluhut-Träger, die „Es einfach wissen, im Gegensatz zu allen Lügnern rundum“. Die machen mir Sorge. Und aus ähnlichen Gründen sorgen mich die Über-Ängstlichen und Absolute-Sicherheit-Fordernden, sowie die dräuende, hoffentlich ausbleibende zwanghafte Veränderung des Lebens durch kleinliche Blockwarte und den Staat.

Es ist der ewige Streit zwischen Selbstbestimmung und Gemeinwohl. Diese Auseinandersetzung ist eigentlich sehr fruchtbar! Und falls diese endet, ist das ein schlechtes Zeichen: Eines der beiden Prinzipien hat dann verloren.

Die Pandemie wird derzeit begleitet von einer Infodemie. Viele vermeinen derzeit ganz genau zu wissen, „was Fakt ist“. Haben sich mit zehn Videos informiert – und sind jetzt schon Experten. Wer stattdessen bei allem Nachforschen immer betont, daß wir nur vermuten können, wie dick der Nebel ist, ja der hat meine Sympathie. Und ich schätze, genau auf Letztere wird es ankommen.

Die entstandende Sorge und Angst auf allen Seiten kommt etymologisch von „Enge“ und dagegen gibt es meiner Meinung nur das Rezept der Orientierung am Horizont, des inneren wie äußeren. Es kostet viel Zeit, ’ne Menge Hirnschmalz und ein gerüttelt Maß an unverstellter Empfindung, sich einen offenen Horizont zu erhalten. Von Begriffen wie „Vernunft“ und „gesundem Menschenverstand“ halte ich, nebenbei bemerkt, schon länger nicht mehr so viel. Von allen Seiten, zu allen Zeiten sind diese als Platzhalter für zweifelhafte Motive mißbraucht worden.

Vielmehr scheint mir der doppelte Weg wichtig: Sich mit Bedacht und Umsicht ein eigenes Urteil zu bilden und dies jeden Tag auf’s Neue zu überprüfen und mit vielen anderen – auch außerhalb der sogenannten Echokammer – abzustimmen. Sonst wird es schlicht zum sektiererischen Vor-Urteil. Mein Leitfaden lautet derzeit: ‚Was weiß ich (wirklich)?‘ (Michel Montaigne) und: ‚Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an jenen, die sie gefunden haben.‘ (André Gide)

Ein Musiker, ein Mensch oder ein kollektiver Haufen welcher irrtümlich und lauthals vermeint, die letztgültige Wahrheit gefunden zu haben, ist nervend simpel, auf Dauer zerstörend und im eigentlichen Sinn spielt er falsch, ist also unmusisch.

Abschließend möchte ich sagen, wie sehr ich hoffe, daß vielen in dieser großen, so merkwürdigen Zeit klarer wird: es könnte auch weniger hektisch und in jeder Hinsicht mehr flexibel als bisher zugehen. Der Planet Erde und seine Natur soll leben dürfen. Wir alle wollen die Freude am Lebendig-Sein täglich spüren.

Mit ein bißchen Glück können wir vielleicht mal im Rückblick sagen: „Wir sind als Gesellschaft in die Corona-Krise hineingeschlittert, und als Gemeinschaft wieder rausgekommen.“

Xund bleim und österliche Grüße, Ihr Michael Lutzeier

Beim derzeitigen Wetter gilt auch: https://youtu.be/9AFf0ysgNiM